Size Matters

Nach unseren letzten beiden Städtereisen nach Kopenhagen und Warschau hatten wir uns den Ausflug nach St. Petersburg in einem mehr oder weniger ähnlichen Rahmen vorgestellt.
In unseren Vorbereitungs-Recherchen ist uns jedoch irgendwie entgangen, dass das eigentlich recht gemütlich klingende Städtchen in Wahrheit die viertgrösste Metropole Europas ist. (Gleich hinter Istanbul, Moskau und London – wer hätte das gedacht?) Nachdem wir das mal realisiert hatten und uns die Millionenstadt schon fast wie ein russischer Tank überfahren hatte, konnten wir uns darauf einstellen und konzentrierten uns auf nicht allzu weit entfernte Punkte – und nicht mehr zu Fuss, sondern mit der sehr schönen und unkomplizierten Metro.

Die Einreise nach Russland (nach übrigens recht aufwändigen und kostspieligen Visumsformalitäten) erfolgte mit Lufthansa mit Umsteigen in Düsseldorf. Obwohl man beim Abflug in Düsseldorf erst etwa fünf Stunden später in St. Petersburg ankommt, dauert der Flug selber nur ca. zweieinhalb Stunden. D.h wir mussten unsere Uhren entsprechend nach vorne drehen, was uns dann während des Aufenthalts mit hellen Abenden/Nächten zugute kam.
Da uns der Transfer vom Flughafen ins Stadtzentrum etwas kompliziert erschien, buchten wir bereits vorgängig über das Hotel einen Transfer. Nach ein wenig Warten und Suchen erwischten wir den Fahrer am St. Petersburger Flughafen kurz bevor er wieder unerledigter Dinge zurückfahren wollte. In ca. 40 Minuten brachte er uns zum sehr zentral gelegenen Mini-Hotel Ermitage, wo wir unser eher kleineres (dafür auch recht günstiges) Zimmerchen bezogen. Da es ja erst ca. 17:00 war, zogen wir gleich wieder los, um uns nach Speis und Trank umzusehen. Schnell stellten wir fest, dass die Suche nach einem geeigneten Ort nicht ganz einfach ist – nicht zuletzt, weil wir mit dem kyrillischen Alphabet auch nicht wirklich vertraut sind. Das für uns gewohnte „Restaurant“ oder so ähnlich ist schon auch öfters anzutreffen. Aber gängiger ist die örtliche Schreibweise, die für uns etwa so aussah: „PECTOPAH“. Nachdem wir uns dessen bewusst waren, konnten wir jeweils zielstrebiger auf die Suche nach guten Essensmöglichkeiten. In diesem Zusammenhang stolperten wir am zweiten Tag eher zufällig in“Jamie Oliver’s Italian – Russia“ hinein. Sehr stylisch und wohl eher für die feinere St. Petersburger-Gesellschaft gedacht. Die Empfangs-/Garderoben-Dame sah mit ihren High-Heels und Kleidchen à la Chanel sehr chic aus – zumindest im Vergleich mit unseren Turnschuhen und Outdoor-Jacken. Überhaupt waren wir neben den vielen sehr modisch gekleideten Russinen leicht „underdressed“. Für die Erkundung der Stadt, vor allem, wenn man das vorwiegend zu Fuss macht sind bequeme, sprich Outdoor-Schuhe halt trotzdem immer noch die beste Wahl.

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Am Freitag stand ein Museumsbesuch auf dem Programm. Obwohl wir eigentlich nicht die grössten Kunst-Affiniados sind, gehörte ein Besuch des „Eremitage“ in St. Petersburg auch für uns zum Pflichtprogramm.  Das „Eremitage“ ist eines der grössten Kunstmuseum der Welt mit etwa 60’000 ausgestellten Exponaten und rund  3 Millionen Objekten im Archiv. Es hat ca. 2’500 Mitarbeiter und ist Bestandteil des UNESCO Weltkulturerbes. Obwohl es unmöglich ist, sich an einem einzigen Tag alles anzusehen, sind nur schon die Räumlichkeiten, in denen das Museum beheimatet ist (Winterpalast) einen Besuch wert.

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Den Nachmittag nutzten wir, um bei wiederum strahlend schönem Wetter und frühlingshaften Temperaturen – wie übrigens während unseres gesamten Aufenthaltes – ein weiteres St. Petersburger Wahrzeichen zu besichtigen. Von der Eremitage spazierten wir deshalb direkt zur nicht allzu weit entfernten Auferstehungskirche (Bluterlöser-Kirche). Mit ihren auffälligen uns sehr farbigen Zwiebeltürmen tanzt die Kathedrale architektonisch ein wenig aus der Reihe und wirkt so auch „russischer“ als die anderen Bauwerke. Immer noch leicht erschlagen vom intensiven Museumsbesuch ruhten wir uns auf dem Platz vor der sehr malerischen Kirche aus und schauten dem entspannten Treiben der zahlreichen Touristen und Spaziergänger zu.

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Als Kontrastprogramm besuchten wir gegen Abend noch das traditionsreiche Kaufhaus „Gostiny Dwor“ – und auch hier wieder Superlativen: Das Gostiny Dwor soll das größte Kaufhaus Sankt Petersburgs sein und nach dem Moskauer GUM das zweitgrösste Kaufhaus Russlands. Allerdings entspricht es nicht wirklich einem Kaufhaus, wie wir uns das gewohnt sind. Auf einer Gebäudelänge von rund einem Kilometer reihen sich im Innern des palastähnlichen, aber nur zweistöckigen Gebäude ein Geschäft an das andere (v.a. Mode und Accessoires) – und das zum Teil mit sehr edlen Marken und Klamotten. Sicher ein guter Ort für die Oligarchen-Damen, um sich mit Pelzen und dergleichen auszustatten. Wir verliessen das Gostiny Dwor jedenfalls mit leeren Händen.

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Am nächsten Tag wurde es sportlich: Wir hatten uns eine der im Guide beschriebenen „Walking Tours“ ausgesucht, die uns über die Newa führen und dann beim Panzerkreuzer „Aurora“ vorbei in einem grossen Bogen vorbei an verschiedenen historischen Bauten zurück zur Peter und Paul Festung führen würde. Nachdem wir die ersten wagemutigen Badenden an der Newa und das Oldtimer-Schlachtschiff Aurora erwandert hatten und langsam wieder Richtung Newa-Ufer und Peter und Paul Festung zurückmarschierten, kamen wir zufällig an einem Outdoor-Sportplatz vorbei, auf dem Jung und Alt eine für uns komplett unbekannte Sportart betrieben. Dabei wurden an einem Ende einer etwa 20 Meter langen Tartan-Bahn ein paar Klötzchen in verschiedenen Mustern und Anordnungen aufgestellt. Danach versuchte der Spieler vom anderen Ende der Bahn aus mit einem ca. 1.5 Meter langen Stock die Klötzchen von der Bahn zu fegen. Die Spieler waren dabei sehr konzentriert und geschickt. Bis jetzt haben wir allerdings noch nicht herausgefunden, welche Sportart da genau praktiziert wurde. Auf dem weiteren Weg mussten wir dann feststellen, dass die geplante Route leider durch eine grosse Zugbrücke blockiert wurde, die sich offenbar nicht mehr schliessen liess. Polizei und Feuerwehr war präsent und leitete Verkehr und Fussgänger auf andere Brücken um. Die ganze Aktion erschien ziemlich unaufgeregt, als ob das schon öfters mal passieren würde. Für uns war das natürlich nicht ganz glücklich, da wir dadurch einen erheblichen Umweg entlang der nun hoffnungslos verstopften Strassen machen mussten. Leicht erschöpft und hungrig erreichten wir dann trotzdem wieder das Stadtzentrum, wo wir nach etwas Suchen ein angenehmes PECTOPAH mit russischen Spezialitäten fanden. Dort probierten wir dann auch das berühmte ‚Borschtsch‘ – eine Suppe aus Randen, mit Randenstreifen, Rindfleisch und Kartoffeln drin und dazu gibt’s ein Schälchen Saure Sahne, die man dann oben drauf geben kann. Dazu bestellten wir uns ein paar Blinis und als Digestif einen kleinen Wodka. Mmmh, war sehr fein – besonders die Borschtsch-Suppe. Zum Abschluss dieses anstrengenden Tages erholten wir uns noch ein wenig auf einer gemütlichen Bootsrundfahrt. Während rund einer Stunde gondelten wir auf der Newa und durch kleine Kanäle ganz dicht unter mehreren Brücken und vorbei an vielen Prachtbauten und historischen Stätten. Sehr schön und ein Muss um ein komplettes Bild von St. Petersburg zu bekommen.

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„Shop till you drop“ war dann das Sonntags-Motto. Nein, nicht wirklich. Aber als Kontrastprogramm zu Museen und historischen Sehenswürdigkeiten und vor allem auch nach dem etwas enttäuschenden Besuch des Gostiny Dwor, wollten wir uns noch ein grosses, modernes Shoppingcenter ansehen. Der Zufall wollte es, dass pünktlich auf Ostern ein neues grosses Kaufhaus ganz in der Nähe des Bahnhofs eröffnet wurde. Das „Galeria“ war dann auch wirklich ziemlich gut besucht, so dass unsere Kauflust teilweise von langen Schlangen vor Kassen oder Kabinen gedämpft wurde. Für das eine oder andere kleine „Andenken“ hat es dann trotzdem gereicht. Nach soviel Zeit in diesem Konsumtempel hatten wir wieder Lust auf etwas Erbaulicheres. Ein nicht allzu langer Fussmarsch führte uns zur wunderschönen blauen St. Nicholas Kathedrale – mit kurzem Apéro-Halt in einem eher feinen italienischen Restaurant inklusive geschäftigem Chef de Service aus Mailand – und sehr aufgebretzelten Damen und Herren, die sich vor dem Besuch im weltberühmten Mariinsky Theater gleich um die Ecke noch stärken wollten. Am Abend, auf dem Weg zurück ins Hotel genossen wir die schöne Abendstimmung an der Newa mit einer Andeutung der kommenden „Weissen Nächte“ im Juli.

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Den letzten Vormittag nutzten wir für einen Besuch der monumentalen St. Isaac Kathedrale. Bei wiederum schönstem (T-Shirt)-Wetter spazierten wir nach dem Frühstück an der Eremitage vorbei zu diesem eindrücklichen Kirchenbau (übrigens Russlands grösste Kathedrale) mit seinen massiven Säulen und riesigen Kuppel. Nach dem Kauf des Kombi-Tickets (Für den Eintritt in die Kathedrale und den Besuch der Ausichtsterrasse) stiegen wir gleich mal die paar hundert Stufen hoch, um uns die Stadt von der Aussichtsterrasse aus, die rund um die Kuppel geht, nochmals in Panoramasicht anzusehen. War wirklich interessant die verschiedenen Sehenswürdigkeiten, die wir in den vergangenen Tagen besuchen konnten, nochmals aus dieser Perspektive zu sehen. Von diesem Blickwinkel aus bekommt man auch einen ungefähren Eindruck, wie riesig diese Stadt wirklich ist. Sehr zu empfehlen und ideal als krönender Abschluss. Das Innere des Prachtbaus, vor allem die riesige Kuppel ist natürlich ebenso eindrücklich. Interessant sind auch die Modelle der verschiedenen Versionen der Kathedrale – von der kleinen Holzhütte bis zum finalen Monumentalbau. Und für technisch Interessierte hat es ein Modell der Holzkonstruktion für die Errichtung der gigantischen Granitsäulen – schon eine bemerkenswerte Baumeisterleistung.

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Der Transfer zum Flughafen dauerte wegen des sehr zähen Stadtverkehrs diesesmal rund eine Stunde. Unglücklicherweise liess sich die übergenaue russische Beamte an der Zollkontrolle auch noch mal seeehr viel Zeit, so dass wir gar keine Gelegenheit mehr hatten, unsere übriggebliebenen Rubel für’s Duty Free einzusetzen.

Unter Berücksichtigung der zwei Stunden Zeitverschiebung trafen wir um ca. 21:00 Uhr wieder in Zürich ein. Alles in allem, mit Umsteigen in Düsseldorf, doch eine recht lange Reise. Unser Fazit: St. Petersburg ist sicher eine Reise Wert und bietet Sehenswürdigkeiten der Superlative. Man muss sich aber bewusst sein, dass das russische „Tor zum Westen“ eine Mega-City ist, mit ihrem eigenen leicht unterkühlten Charme.

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